Das dritte Fenster, 15 Uhr – von Ralph Benu – Kurzgeschichte zum Nachdenken

Eine kurze Geschichte von Ralph Benu: Das dritte Fenster, 15 Uhr

Das dritte Fenster, 15Uhr-c-ralph benu - HillmannDer Künstler sitzt am Abend in seinem Atelier. Mit Stolz betrachtet er das Bild, das er gemalt hat. Bunte Farben, die sanft ineinanderfließen, die dem Leben Ausdruck verleihen. Nach endlosem Verweilen vor der Malerstaffelei kommen ihm Zweifel: Seiner Kunst fehlt etwas. Doch Müdigkeit übermannt ihn, und er legt sich ins Bett. Nach kurzer Zeit ist er in die Welt der Ruhe eingetaucht.

Als er am nächsten Morgen aufwacht, erinnert er sich daran, dass er einen Traum mit einer Botschaft hatte: Er solle sein Bild genau um 15 Uhr in den einfallenden Lichtkegel des dritten Fensters seines Ateliers schieben. Wie jeden Tag setzt sich der Künstler auch heute vor sein Bild und überlegt sich, was er noch ergänzen könnte, um dem Kunstwerk mehr Leben zu verleihen.

Er wird zunehmend unruhiger, weil ihm nichts mehr einfällt. Ungeduldig schaut er auf die Uhr. Der Zeiger steht bereits auf sieben Minuten vor drei. In diesem Augenblick fällt ihm schlagartig wieder sein Traum ein. Soll er es wagen, das Licht des dritten Fensters auf sein Bild strahlen zu lassen?
Der Künstler nimmt sein Werk von der Staffelei. Mit zögernden Schritten nähert er sich dem dritten Fenster. Ein hastiger Blick auf die Uhr – nun ist es exakt sieben Sekunden vor drei. Was wird ihn erwarten? Die Zeit erscheint ihm endlos.

Jetzt, endlich, ist die volle Stunde gekommen. Stück für Stück schiebt der Künstler sein Bild in den einfallenden Lichtstrahl. Was jetzt passiert, ist für ihn ein unglaublicher Schock: Alle Farben sind verschwunden! Ein Schrei entfährt ihm, er will es nicht glauben. Doch auch als er erneut auf sein Bild sieht, bietet sich ihm immer noch derselbe Anblick: Die Farben, die für ihn das Leben bedeutet hatten, sind in diesem Licht nur noch grau und schwarz. Schmerz durchdringt ihn bis in die Tiefe seines Herzens. Diese Empfindung ist für ihn nicht fassbar. Warum erscheint sein Kunstwerk in diesem Licht anders? Er zieht das Bild aus dem Lichtstrahl, und hofft dabei inständig, dass die Farben wiederkehren. Doch sein Schrecken steigert sich, als er feststellen muss, dass die bunten Farben nach wie vor verschwunden bleiben. Er hatte diese Farben nach bestem Wissen und Gewissen ausgesucht und sie nach seinen Vorstellungen, und denen der Welt, zusammengemischt.

In dieser Nacht kann der Künstler nicht schlafen. Ständig hat er das nun graue Bild vor Augen. Was kann er tun, um seinem grauen Alltag zu entfliehen?

Seine ersten Schritte am nächsten Morgen sind die zu seinem Bild. Doch alles ist unverändert, alles noch genau so grau und trostlos wie am Tag zuvor. Hilflos und mit einem Gefühl der Ohnmacht steht er den ganzen Tag vor dem Gemälde. Emotionen steigen auf, und endlose Tränen der Reue tropfen auf das Bild. Die Farben werden in dem Bereich, auf den die Tränen fließen, zähflüssig. Der Künstler ergreift einen Schaber und entfernt, unter Qualen und Kraftanstrengungen, einen Teil seines grau gewordenen Lebens.

Jahre vergehen, und allmählich kommt immer mehr Weiß zum Vorschein. Er gewöhnt sich an das Nichts auf der Leinwand und fühlt einen tiefen inneren Frieden.

Nach vielen Jahren der Trockenheit und Bedrängnis steht er jetzt endlich vor einem weißen Bild. Voller Freude geht er zur Garderobe, zieht Schuhe und Mantel an, schreitet durch die offene Tür und ist im Freien.

Was passiert tatsächlich auf diesem Bild?

Nachzulesen in: Liebesbrief an Eva
Zum Innersten der männlichen SeeleLiebesbrief an Eva-c-ralph benu-Hillmann

In „Liebesbrief an Eva “ beschreibt Ralph Benu in einer bewegenden und bildreichen Sprache die kraftvolle geistige Dynamik zwischen Adam und Eva. Er bedient sich dabei der Mythologie und verflechtet sie mit einer wahren Begegnung. Diese zeitlose Erzählung kann durchaus mit der Ernte einer Kokosnuss verglichen werden – das weiße und schmackhafte Fruchtfleisch gibt es erst am Schluss.

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